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Allgemein Antirepression Lübeck

Das gefährlichste Transpi Lübecks (2020)

Ein Transparent kann so vieles sein: Eine nette Dekoration, gut gepanzert auch ein Schutz auf Demos, ein Medium der Informationsverbreitung oder ein aussagekräftiges Prestigeobjekt, kurzum: Es ist der Stoff aus dem die Träume sind.

Auf der anderen Seite kann ein Transpi bei dem richtigen Verhältnis aus Baumwolle zu Polyester sowie einer gehörigen Prise Pyromanie und Dummheit vor allem auch eines: Nämlich gut brennen. Dieser allzu menschliche Gedankengang, welcher ungefähr so lautet: „was nicht passt, wird abgefackelt“ ging Ende diesen Jahres wohl auch einer Person mit ausgeprägtem Autoritätsfetisch durch den Kopf. Und so trug es sich zu, dass sich unser „Polizei – weder Freund noch Helfer“ Transpi in Rauch auflöste. Na ja was will Mensch machen? Wir verneinen ja selbst nicht, das Feuer auch ein legitimes Mittel des Aktionismus sein kann. Sei es drum. Also werde eben dieses Transparent in der (fast) gleichen Form reproduziert und wieder aufgehangen. Nur wurde dieses Mal eine klitzekleine, inspirative Anregung hinzugefügt, was sich noch so alles in Brand setzen lässt, außer bemalte Stoffstücke.

Für uns bedeutete dieser Kommentar nicht mehr, als eine humoristische Randnotiz an den Menschen, dessen Liebe zu Ottos in Uniformen, den eigenen Zündelwahn beflügelte. Doch für alle Zivis und anderen Provinzbullen, welche nicht viel besseres zu tun haben als vor der Walli rumzulungern, war dieser Spruch eine unertragbare Provokation und so witterte wohl ein begeisterter Beamte seine große Chance, als er voller Erregung zum Diensttelephon griff und seinem Vorgesetzten berichten durfte: „Diesmal haben es die Zecken zu weit getrieben!“ Wie Mensch annehmen dürfte, trat diese Kunde bei den sonst eher verpennten und missmutigen Cops ein regelrechtes Lauffeuer der Begeisterung los. Es stellte sich die Frage, wie können wir dem autonomen Pack am besten einen Strick daraus drehen? Im Eifer der Entscheidungsfindung, ignorierte Mensch mal ebenso die eigenen Gesetze und heraus kam die tolle Idee: Aufruf zum Mord.

Dass es für eine solche Anzeige etwas mehr braucht als ein „next time light him up“ war an dieser Stelle dann auch egal. Die Cops zögerten nicht lange ihre Drohung auszurichten: Entweder das Transpi wird abgehängt oder die tapferen Freund*innen und Helfer*innen machen sich selbst auf den Weg, um uns das Stück Stoff zu klauen und noch die Anzeige drauf zu setzen. Der komödiantische Faktor dieser ganzen Aktion wurde auch dadurch erhöht, da auf dem besagten Transpi Machtmissbrauch bei den Bullen sowie Polizeigewalt im Allgemeinen thematisiert wurde. Doch dieser metaphysische Humor drang natürlich nicht zu den zutiefst gekränkten Bullen durch. Um den Cops also nicht die Genugtuung zu geben ihren Plan durchsetzen zu können, wurde der erste blöde Kommentar durch den Nächsten ersetzt: „Don‘t hurt my feelings!“ Es war sogar weniger ein Kommentar, als ein darauf aufmerksam machen, dass hinter jedem Bullen auch ein Mensch steckt. Und auch wenn diese Menschen täglich morden, inhaftieren, prügeln und mit Freuden den Willen des Staates durchboxen, haben auch sie Gefühle, die Mensch bloß nicht verletzen darf. Denn alles andere wäre einfach unverhältnismäßig und außerdem auch voll gemein. Also gaben die Cops sich letztlich auch damit zufrieden, dass wir ihre verletzten Gefühle wahrnahmen und akzeptierten. Doch wie das nun mal so ist mit der Zufriedenheit, kann sie leider nicht von allen geteilt werden. Das Gemüt einer weiteren Person war immer noch nicht besänftigt. Und so kam es, dass das zweite, thematisch zugehörige Transpi eines Nachts geklaut wurde. Auf diesem Transpi standen lediglich Fakten über die Inhalte des neuen Polizeigesetzes, welches klammheimlich durchgesetzt werden soll. Na ja so ist das nun mal, feelings don´t care about facts.

Transpis sind halt was sie sind,

sie kommen und gehen,

können in Flammen aufgehen,

die Cops können sie wegnehmen,

sie lassen sich vom Winde verwehen,

Doch ihre Ideen,

Ja, die bleiben für immer bestehen

und das lässt sich sehen.

Text aus dem Jahresrückblick 2020